Raum der Stille

„Nicht nur still werden und den Lärm abhalten, der mich umgibt. Nicht nur entspannen und die Nerven ruhig werden lassen. Das ist nur Ruhe. Schweigen ist mehr. Schweigen heißt: mich loslassen, nur einen winzigen Augenblick, verzichten auf mich selbst, auf meine Wünsche, auf meine Pläne, auf meine Sympathien und Abneigungen, auf meine Schmerzen und Freuden, auf alles, was ich von mir denke und was ich von anderen halte, auf alle Verdienste, auf alle Taten. Verzichten auch auf das, was ich nicht getan habe, auf meine Schuld und alle Schuld der andern an mir, auf alles, was in mir Unheil ist. Verzichten auf mich selbst. Nur einen Augenblick DU sagen und GOTT da sein lassen. Nur einen Augenblick sich lieben lassen ohne Vorbehalt, ohne Zögern, bedingungslos und ohne auszuschließen, dass ich nachher brenne. Das ist schweigen vor Gott. Dann ist im Schweigen Stille und Reden und Handeln und Leiden und Hoffen und Lieben zugleich. Dann ist Schweigen: Empfangen. Auf dieses Schweigen weiß ich keine Antwort als neues Schweigen, weil Gott größer ist, weil jede versuchte Antwort zu klein gerät. Und doch habe ich keine Angst zu reden und zu handeln, weil das Schweigen eines Augenblicks vor Gott und mit Gott und in Gott die lauten Stunden erlöst.“ (aus Taizé)

In der Hektik des (spät-)modernen Lebens sehnen sich viele Menschen nach „Räumen der Stille“, in denen sie zur Ruhe kommen und Gott begegnen können. Wie viele Kirchen haben wir deshalb Ende Februar an einem Abend die Türen geöffnet und zur Rast, zum Ausruhen und zur Meditation in die Erlöserkirche eingeladen.
Viele Christen und Christinnen haben mit dem Begriff Meditation Schwierigkeiten, weil er oft mitfernöstlichen Übungen – besonders aus dem ZenBuddhismus – oder mit der Esoterik in Verbindung gebracht wird. Viele wissen nicht, dass das Meditieren eine lange Tradition im jüdischchristlichen Bereich hat. So findet sich das Wort, das vom lateinischen „meditari = nachdenken, nachsinnen“ abgeleitet ist, z.B. in Psalm 1,2: „Wohl dem, der Lust hat am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz (wörtlich: meditiert über seinem Gesetz) Tag und Nacht.“ Und das ist auch schon der wichtigste Unterschied zwischen fernöstlicher und westlicher Meditation: Fernöstliche Meditation ist gegenstandslos – christliche Meditation ist gegenstandsbezogen und hat als Ziel das Erfüllt-Werden mit Gottes Geist. Sie bezieht sich auf etwas: meist auf ein biblisches Wort, die Namen des dreieinigen Gottes oder auf ein christliches Symbol wie das Kreuz oder eine Kerze. Dass christliche Meditation gegenstandsbezogen ist, schließt allerdings nicht aus, dass sie sich auch im Loslassen übt. Gerade in unserer arbeits- und genusssüchtigen Zeit ist es wichtig, mit Meditation eine Kultur der heilsamen Unterbrechung einzuüben. Meditation ist Übung und Gnade zugleich.
Deshalb laden wir erneut zum „Raum der Stille“ ein. Nach einer Ein- und Hinführung wollen wir im stillen Sitzen Zeiten der körperlich passiven Meditation (Kontemplation) üben und diese anschließend mit achtsamem Handeln und Bewegung kombinieren. Die Abende in der Erlöserkirche dauern ca. 60 Minuten und beginnen am 12. und 26. April sowie am 17. Mai jeweils um 19 Uhr. Herzliche Einladung!
Johann und Waltraud Koller